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Die Araber und Wir



Irgendwann in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung zog eine Bande Glatzköpfiger aus Ostberlin in den Westen, nach Kreuzberg, um Ausländer zu verdreschen. Die jungen Türken, nicht faul, organisierten sich und zogen ihrerseits nach Ostberlin und verdroschen die Glatzen. Seitdem hat Kreuzberg Ruhe. Die Glatzen haben sich nicht wieder blicken lassen. Die Türken haben Westberlin erfolgreich gegen die Aggression aus dem Osten verteidigt.

In Berlin hat sich das Verhältnis Westler zu Türken seit der Wiedervereinigung entspannt weil die Türken als Bestandteil des Westens empfunden wurden und als Bollwerk gegen die Neonazis aus dem Osten, die mit Vorliebe unter den Linden demonstrieren.

Die starke Parteinahme der deutschen Regierung und weiter Teile der Bevölkerung für die Aufnahme der Türkei in die EU ist ein Beweis der fortschreitenden Entspannung und Versachlichung des Verhältnisses der beiden Bevölkerungsteile über die religiösen und ethnischen Unterschiede hinweg.

Während sich die Haltung der Deutschen zu den Türken besserte, hat sich spiegelbildlich die Haltung zu den Arabern verschlechtert. Attentate auf deutsche Touristen, die Katastrophe des 11. September und die Grausamkeiten des Irak-Kriegs haben das Image der Araber schwer beschädigt. Als wichtigste Fahnenträger des aggressiven islamischen Fundamentalismus stehen die Araber im Zentrum des wieder erwachten Konflikts zweier Weltreligionen.

Glücklicherweise sind Europas Christen mehrheitlich tolerant, während ein Teil der Christen Amerikas auf auf ihre Art Fundamentalisten sind, die trotz der in der Verfassung verbrieften Religionsfreiheit durchaus Kreuzzugsgefühle hegen und dies die Moslems auch fühlen lassen. Zwischen den Eiferern auf beiden Seiten hat sich daher ein Hass aufgeschaukelt, der nach Europa überschwappt. Obwohl Europas Christen nichts ferner liegt, als sich in eine tätliche Auseinandersetzung der beiden Weltreligionen hineinziehen zu lassen, werden sie dennoch nolens volens hineingezogen.

Die Beteiligung einiger europäischen Regierungen am Irak-Krieg hat die Schleuse des islamischen Hasses geöffnet, der nicht danach fragt, wer toleranter Christ ist und wer nicht. Europa ist also in eine Konfrontation hineingeschlittert, die es nicht wollte, und muss nun schauen, wie es mit einem blauen Auge herauskommt.

Die Speerspitze dieses Konfliktes sind die Araber, von Marokko bis zum Irak. Diese Länder sind weit weg von Amerika, und die meisten Amerikaner haben nur vage Vorstellungen von der Lage und Beschaffenheit dieser Länder und der Kultur ihrer Menschen. Zwei Vorstellungen haben sich jedoch ins Bewusstsein der Amerikaner eingegraben: Araber haben Öl, und Araber machen immer Ärger.

Amerikas Ärger mit den Arabern geht zurück auf das 18. Jahrhundert, als Nordafrikas Küste von Libyen bis Algerien eine Reihe von Staaten aufwies, die hauptsächlich von Seeräuberei lebten. Wie die europäischen Mächte musste auch Amerika Tribut an die Nordafrikaner der Barbarei-Küste zahlen, um seinen Mittelmeer-Handel zu schützen und zu verhindern, dass seine Bürger in die Sklaverei verkauft wurden. In zwei Kriegen, vor und nach Napoleons Ära, bekämpften amerikanische Kriegsschiffe die Piratenfürsten, mit gemischtem Erfolg. Erst Admiral Stephen Decatur gelang es 1815, den Dey von Algier und danach auch den Bey von Tunis zu besiegen, alle amerikanischen Gefangenen ohne Lösegeld-Zahlung zu befreien und die Tributzahlungen für immer abzuschaffen. Seither ist Decatur ein historischer Held, der in keinem amerikanischen Geschichtsbuch fehlt.

Israels Problem mit den Palästinensern und anderen Arabern wird in Amerika ähnlich gesehen, nämlich als der Kampf eines kleinen befreundeten Landes gegen eine Vielzahl von tückischen Feinden.

Das Bild, das sich Amerika von den Arabern macht, ist zwar rudimentär, doch es bestimmt gegenwärtig einen Gutteil der Weltläufte. Europa, das so viel mehr über die Araber weiss als Amerika, steht abseits, ratlos.

Im Südwesten Siziliens liegt ein Fischereihafen, Mazara del Vallo. Dort lebt eine Gruppe vor Jahrzehnten eingewanderter nordafrikanischer Fischer. Sie sprechen ein Gemisch von italienisch und arabisch. Nicht weit davon liegen die ägadischen Inseln. Von der Bergkuppe der grössten Insel, Marettimo, sieht man die tunesische Küste. Der Führer der sizilianischen Thunfischflotten trägt den arabischen Titel Rais, „Präsident“. Auf den Inseln und in der Provinz Trapani ist Couscous, meistens mit Fisch gegessen, Volksnahrungsmittel (cuscussu). Der Übergang Europas nach Arabien ist fliessend.

Fast überall im Mittelmeer sind die Araber unsere nächsten Nachbarn. Wir haben 1300 Jahre gemeinsamer Geschichte erlebt, vielleicht auch mehr, je nachdem welchen Ethnologen man fragt. Wir kennen die Araber besser, als Manchen unter uns lieb ist. Diese Kenntnis ist ein Schatz, den Europa heute heben sollte.

Europas Bevölkerung schrumpft; seine Geburtenraten gehören zu den niedrigsten der Welt. Frankreich, Spanien, Belgien und Italien sind klassische Einwanderungsländer der Nordafrikaner. Europa braucht junge Erwachsene und Kinder, und unsere Nachbarn, die Araber und Türken, haben sie reichlich. Der demografische Ausgleich von Mangel und Überfluss erfolgt mit einer Automatik, an der Politiker und ihre Grenzwächter nur Stellen hinter dem Komma ändern können.

Es ist an der Zeit, diesen Tatsachen ins Auge zu sehen und das Gute daran zu erkennen, statt in Fremdenfeindlichkeit zu verharren. Wir sollten begreifen, dass die Araber, ebenso wie die Türken, nicht nur unsere Nachbarn, sondern auch unsere engsten Verwandten sind. Europa wurde vor rund 8000 Jahren aus dem Nahen Osten und Kleinasien besiedelt, von Leuten, die Ackerbau und Viehzucht erfunden hatten und wegen der reichlicheren Ernährung kopfstark waren. Mit ihrer überlegenen Technik erschlossen sie den Kontinent und assimilierten die kleine und weit verstreute Sammler- und Jägerbevölkerung.

Religiöse und sprachliche Unterschiede errichteten Barrieren zwischen benachbarten Völkern, die ethnisch und genetisch nicht recht begründbar sind. Ist ein Türke von heute etwa ein muslimischer und türkisch sprechender Grieche? Ist ein Grieche vielleicht ein christlicher, griechisch sprechender Türke? Wer die Siedlungs- und Wanderungsgeschichte Kleinasiens und des benachbarten Balkans betrachtet, wird solche Fragen stellen müssen.

Bleibt das Problem Religion. Aber das sollte uns nicht schrecken. Europa hat mehr Erfahrung im Ausgleich konkurrierender Religionen als andere Erdteile. In Jahrhunderten blutiger Religionskriege, die ganze Völker fast auslöschten, haben wir Toleranz gelernt. Noch nicht überall, wie Nordirland, Bosnien und Kosovo zeigen. Doch weitgehend.

Erinnern wir uns, wie es in Deutschland noch vor fünfzig oder mehr Jahren war. Da lebten Katholiken und und Protestanten häufig in Misstrauen und oft Abneigung nebeneinander. Die Protestanten hielten Katholiken für unaufrichtig (weil sie beichteten) und unzuverlässig (weil sie dem Papst in Rom und nicht der deutschen Regierung gehorchten). Katholiken hielten Protestanten für Ungläubige und Abartige, die man nicht heiraten durfte, denn eine „Mischehe“ war ein Unglück. Meistens wurde den Frauen der Übergang zum Glauben des Mannes nahegelegt, damit die Ehe kirchlichen Segen erhoffen durfte.

Alter Zopf? Heute sind es die Mischehen mit Nicht-Christen, die Stirnrunzeln erzeugen. Können Christ und Muselmann verträglich zusammen leben? Nicht erst seit dem 11. September werden Moslems, zumal wenn sie aussereuropäische sind, mit Misstrauen betrachtet.

Doch seit der Beitritt der Türkei auf der europäischen Tagesordnung steht, ist Toleranz angesagt. Die Medien beeilen sich, die baldige Enttürkung der Türkei zu prophezeien. An Europas Wesen...

Und die Araber? Ihnen fehlt ein Klassenziel. Heute gilt die öffentliche Meinung, dass die Integration der Türkei das Verhältnis zu den Arabern entspannen werde, weil es ihnen religiöse Toleranz der Europäer signalisiere. Aber wird die Europäisierung der Türkei die Diskriminierung der Araber nicht verschärfen? Wird ein Syrer in Latakia akzeptieren, dass er verglichen mit dem Türken im benachbarten Iskenderun ein Mensch zweiter Klasse ist, dem verwehrt wird, worauf der Andere verbrieften Anspruch hat? Die Libanesen zumal, von denen viele sich für Nachkommen der Kreuzritter und damit für in Asien gestrandete Europäer halten, werden sie glücklich sein? Die Marokkaner, die nur an den Zaun gehen müssen, um in die europäischen Enklaven Ceuta und Melilla zu blicken, werden sie sich nicht ungerecht ausgegrenzt fühlen?

In dieser Zeit der Türkei-Euphorie sollte verstärkt über die Araber nachgedacht werden. Es gibt zwar 70 Millionen Türken, doch 350 Millionen Araber, von denen ein Drittel unter 15 Jahre alt ist und bald noch mehr Nachwuchs produzieren wird, der machtvoll nach Europa drängt. Noch besitzt Europa keine Formel, die unsere Nachbarschaftsbeziehung auf eine freundschaftliche und langfristig tragfähige Basis stellen würde. Wolkige Mittelmeerprojekte sind schön, aber wenig konkret. Vielleicht sollte man Europas Arabien-Spezialisten Frankreich, Italien, Spanien und Portugal bitten, ein Projekt zu entwickeln, das die Europäische Union gemeinschaftlich den Arabern anbieten könnte. Modelle gibt es durchaus.

Aus der Barcelona-Erklärung von 1995 ist ein sogenannter Barcelona-Prozess geworden, der auf eine Freihandelszone mit den nordafrikanischen Ländern (Maghreb) und den mittelöstlichen Staaten (Mashreq) abzielt, verschönt durch ein paar wirtschaftliche und finanzielle Hilfen. Das ist ein Anfang, wenn auch kein spektakulärer, der die Völker Arabiens beeindrucken würde.

Die arabischen Länder sind wirtschaftlich wenig dynamisch, wo nicht Öl für ein bequemes Einkommen sorgt. Wissenschaftlich sind die Araber gar das Schlusslicht unter den grossen Bevölkerungsgruppen der Welt mit der geringsten Zahl an Patentanmeldungen und Nobelpreisträgern. Hier drängt sich eine mögliche Patenrolle Europas förmlich auf.

Auf der kulturellen Seite könnte viel unternommen werden. Die arabische Ausstellung bei der Frankfurter Buchmesse 2004 war ein guter Schritt. Vielleicht sollte man sich in den Schul-Lehrplänen der brillanten Tradition deutsch-arabischer Dichtung erinnern, wie sie etwa Friedrich Rückert mit den „Makamen des Hariri“ exemplifizierte. Den Scharen deutscher Ägypten- und Tunesien-Besucher könnte neben Antike und Bazarbummel auch ein wenig arabische Kunst und islamische Religion nahegebracht werden.

Es gilt, den Zusammenhang europäischer und orientalischer Kultur zu verdeutlichen. Die gotischen Dome Deutschlands sind ohne das Vorbild arabischer Spitzbögen undenkbar; die Moscheen der Türkei basieren auf römisch-byzantinischen Kuppelbauten. Selbst im religiösen Bereich gibt es mehr Gemeinsames, als der gegenwärtige Konflikt vermuten lässt.

Seit dem Zerfall der Sowjetunion ist eine grosse Wiederentdeckung des europäischen Ostens im Gange, strömen Westler hinüber um die andere Hälfte des alten Europa mit dem Herzen zu suchen. Gleichzeitig entdecken Ostler das so lange unzugängliche Westeuropa.

Eine ähnliche Wiedervereinigung der Kulturen brauchen Europa und der Orient, wenn die Jahrhunderte religiös motivierter Spaltung überwunden werden sollen. Weder Bosporus noch Mittelmeer dürfen Grenzen bleiben. Europa und der Orient sind ein Kontinuum.

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—— Benedikt Brenner